90 Tage Blackout in Deutschland
Wohin könnte man flüchten?
Ein großflächiger Stromausfall über mehrere Tage wäre bereits eine erhebliche Herausforderung. Ein 90 Tage andauernder Blackout in Deutschland wäre dagegen ein extremes Szenario, bei dem nicht nur die Stromversorgung, sondern auch Wasser, Lebensmittelversorgung, Kommunikation, Verkehr, Heizung, medizinische Versorgung und Finanzsysteme betroffen sein könnten.
Für Menschen, die sich auf ein solches Szenario vorbereiten möchten, stellt sich deshalb die Frage: Wäre es sinnvoll, Deutschland vorübergehend zu verlassen – und wenn ja, wohin?
Dabei reicht es nicht aus, einfach das nächstgelegene Nachbarland auszuwählen. Deutschland ist Teil des kontinentaleuropäischen Stromverbunds. Viele Nachbarländer sind daher elektrisch eng miteinander verbunden. Ein sehr großer Netzausfall könnte deshalb mehrere Länder gleichzeitig betreffen.
Worauf kommt es bei der Auswahl eines Landes an?
Bei einem 90-Tage-Szenario wären mehrere Faktoren entscheidend:
- Eigenständige Stromerzeugung
- Entfernung vom deutschen Stromnetz
- Wasserversorgung
- Lebenmittelproduktion
- Abhängigkeit von Importen
- Bevölkerungsdichte
- Verfügbarkeit von Brennstoffen
- medizinische Versorgung
- Möglichkeit, das Land tatsächlich zu erreichen
- Klima und Jahreszeit
- Stabilität der lokalen Infrastruktur
Besonders interessant sind daher Länder, deren Stromsystem nicht unmittelbar vom kontinentaleuropäischen Verbund abhängig ist oder die über erhebliche eigene Energiequellen verfügen.
Norwegen 🇳🇴
Norwegen wäre aufgrund seiner geografischen Lage und seiner Energieversorgung ein interessantes Ziel. Das Land verfügt über enorme Wasserkraftkapazitäten und eine vergleichsweise geringe Bevölkerungsdichte.
Vorteile:
- sehr hoher Anteil an Wasserkraft
- große eigene Energieproduktion
- geringe Bevölkerungsdichte
- große Wald- und Naturflächen
- zahlreiche Regionen mit eigener lokaler Infrastruktur
- geografisch deutlich vom deutschen Stromnetz entfernt
Nachteile:
- lange Anreise aus Deutschland
- schwierige Erreichbarkeit bei zusammenbrechenden Verkehr
- im Winter teilweise extreme Wetterbedingungen
- abgelegene Regionen können selbst bei funktionierenden Stromnetz schwer zu versorgen sein
- Norwegen ist zwar nicht Teil des kontentaleuropäischen Synchronnetzes, aber wirtschaftlich weiterhin stark mit Euro verbunden
Norwegen wäre daher vor allem dann interessant, wenn man frühzeitig und geplant dorthin gelangen könnte.
Schweden 🇸🇪
Auch Schweden besitzt eine umfangreiche eigene Stromproduktion. Wasserkraft und Kernenergie spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig verfügt das Land über große, dünn besiedelte Gebiete.
Vorteile:
- Wasserkraft und Kernenergie
- große Fläche
- geringe Bevölkerungsdichte außerhalb der Ballungsräume
- umfangreiche Waldflächen
- relativ hohe eigene Energieproduktion
Nachteile:
- große Entfernung von Deutschland
- schwierige Winterbedingungen
- ebenfalls Teil des nordischen Stromsystems und daher nicht vollständig unabhängig von seinen Nachbarn
- abgelegene Regionen können logistisch schwierig sein
Für ein langfristiges Szenario könnten dünn besiedelte Regionen Schwedens interessanter sein als die großen Städte.
Finnland 🇫🇮
Finnland verfügt ebenfalls über eigene Energiequellen, darunter Kernkraft und Wasserkraft. Das Land besitzt große Waldgebiete und eine niedrige Bevölkerungsdichte.
Vorteile:
- eigene Kern- und Wasserkraft
- große Waldflächen
- geringe Bevölkerungsdichte
- relativ hohe Energieautonomie
- große landwirtschaftliche Flächen
Nachteile:
- sehr weite Entfernung von Deutschland
- harte Winter
- lange Transportwege
- hohe Abhängigkeit bestimmter Bereiche der Wirtschaft von funktionierenden Lieferketten
Finnland könnte unter langfristigen Gesichtspunkten interessant sein, wäre aber wegen der Entfernung kein einfaches Ausweichziel.
Island 🇮🇸
Island nimmt eine besondere Stellung ein. Das Land besitzt ein vom europäischen Festland getrenntes Stromsystem. Ein Stromausfall im kontinentaleuropäischen Verbund würde daher nicht automatisch Island betreffen.
Die Stromerzeugung basiert dort vor allem auf Wasserkraft und Geothermie.
Vorteile:
- vom europäischen Festlandstromnetz isoliert
- sehr hoher Anteil erneuerbarer Stromerzeugung
- umfangreiche Geothermie
- große eigene Energiequellen
- geringe Bevölkerungsdichte
Nachteile:
- extrem weit von Deutschland entfernt
- Inselstaat
- Transport von Waren ist auf Schiffe und Flugzeuge angewiesen
- begrenzte eigene Lebensmittelproduktion bei bestimmten Produkten
- während einer bereits laufenden Großkrise wäre die Anreise besonders schwierig
Island ist deshalb technisch interessant, logistisch aber ein besonders schwieriges Ziel.
Portugal 🇵🇹
Portugal liegt geografisch weit von Deutschland entfernt und verfügt über erhebliche eigene Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen.
Vorteile:
- große Entfernung vom deutschen Stromnetz
- hohe Anteil erneuerbarer Energie
- relativ mildes Klima
- bedeutende Landwirtschaft
- Atlantiklage
Nachteile:
- weiterhin Teil des kontinentaleuropäischen Verbundsystems
- teilweise Abhängigkeit von internationalen Lieferketten
- Wasserknappheit kann regional ein Problem darstellen
- große Entfernung bei einer Flucht mit dem Auto
Portugal könnte aufgrund der geografischen Entfernung interessant sein, wäre aber nicht automatisch vor einem gesamteuropäischen Stromereignis geschützt.
Spanien 🇪🇸
Spanien besitzt eine große und vielfältige eigene Stromerzeugung. Neben Kernenergie spielen Wind- und Solarenergie eine wichtige Rolle.
Vorteile:
- große eigene Stromproduktion
- große landwirtschaftliche Kapazitäten
- sehr große Landesfläche
- große Entfernung zu Deutschland
- unterschiedliche Klimazonen
Nachteile:
- Teil des europäischen Stromverbunds
- teilweise starke Abhängigkeit von internationalen Lieferketten
- Hitze und Wasserknappheit können regional erhebliche Probleme verursachen
- lange Anreise aus Deutschland
Gerade die Entfernung könnte ein Vorteil sein – gleichzeitig müsste man bedenken, dass eine Reise von Deutschland nach Spanien während einer eskalierenden Versorgungskrise selbst zu einem erheblichen Problem werden kann.
Irland 🇮🇪
Irland ist aufgrund seiner geografischen Lage ebenfalls interessant. Das irische Stromsystem ist vom kontinentaleuropäischen Synchronnetz getrennt.
Vorteile:
- geografisch weit von Deutschland entfernt
- eigenes Stromsystem
- erhebliche Windenergie
- Insel mit relativ geringer Bevölkerungsdichte außerhalb der Ballungsäume
Nachteile:
- Inselstaat
- Transport von Gütern stark von See- und Luftverkehr abhängig
- begrenzte eigene Produktion bestimmter Waren
- Erreichbarkeit bei einer europaweiten Transportkrise problematisch
Schweiz 🇨🇭
Die Schweiz verfügt über eine starke Wasserkraftbasis und eine gut ausgebaute Infrastruktur.
Vorteile:
- sehr große Wasserkraftkapazitäten
- hohe Infrastrukturqulität
- Alpenregionen mit teilweise dezentralen Strukturen
- geografisch relativ schnell aus Süddeutschland erreichbar
Nachteile:
- Teil des kontinentaleuropäischen Stromverbunds
- relativ hohe Bevölkerungsdichte in den wirtschaftl wichtigen Regionen
- hohe Lebenshaltungskosten
- starke wirtschaftliche Verflechtung mit den Nachbarstaaten
Die Schweiz wäre deshalb nicht automatisch ein sicherer Zufluchtsort bei einem gesamteuropäischen Netzproblem.
Frankreich 🇫🇷
Frankreich verfügt über eine besonders große eigene Stromerzeugung, insbesondere durch Kernkraft.
Vorteile:
- sehr große eigene Stromproduktion
- große Kernkraftkapazitäten
- umfangreiche Landwirtschaft
- große Landesfläche
Nachteile:
- direkt mit Deutschland im kontinentaleuropäischen Synchronverbung verbunden
- bei einem großflächigen europäischen Netzausfall möglicherweise ebenfalls betroffen
- große Städte könnten bei einer langanhaltenden Krise erhebliche Versorgungsprobleme bekommen
Frankreich zeigt besonders deutlich, warum „viel eigene Stromerzeugung“ nicht dasselbe ist wie „von einem europäischen Blackout unabhängig“.
Österreich 🇦🇹
Österreich besitzt aufgrund seiner Alpenlage eine starke Wasserkraftbasis.
Vorteile:
- große Wasserkraftproduktion
- Alpenregionen
- gute Infrastruktur
- von Süddeutschland relativ gut erreichbar
Nachteile:
- Teil des kontentaleuropäischen Synchronverbunds
- geografisch sehr nah an Deutschland
- Versorgungssysteme beider Länder sind eng miteinander verbunden
Österreich wäre daher eher eine Option bei einem auf Deutschland begrenzten Problem, nicht unbedingt bei einem großflächigen europäischen Blackout.
Das wichtigste Kriterium: Nicht jedes Nachbarland ist automatisch sicherer
Ein häufiger Denkfehler wäre, bei einem Blackout einfach über die nächste Grenze zu fahren.
Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Österreich, die Schweiz, Tschechien und Polen sind Teil des kontinentaleuropäischen Synchronverbunds. Eine schwere Störung kann deshalb mehrere Länder gleichzeitig betreffen.
Ein bekanntes Beispiel ereignete sich am 8. Januar 2021. Das kontinentaleuropäische Synchrongebiet wurde damals vorübergehend in zwei Bereiche aufgeteilt. Die Situation konnte stabilisiert werden, zeigt aber, dass großräumige Netzstörungen nicht an Landesgrenzen Halt machen.
Für ein 90-Tage-Szenario müsste deshalb zwischen zwei Situationen unterschieden werden:
Szenario 1: Deutschland hat ein schweres, aber überwiegend nationales Problem.
Dann können Länder wie Frankreich, Österreich, die Schweiz, Dänemark oder die Niederlande möglicherweise attraktive Ausweichmöglichkeiten sein.
Szenario 2: Ein großer Teil Europas ist betroffen.
Dann werden Länder außerhalb des kontinentaleuropäischen Synchronverbunds wesentlich interessanter. Dazu gehören insbesondere Norwegen, Schweden, Finnland, Island und Irland – wobei auch diese Länder wirtschaftlich und logistisch mit dem restlichen Europa verbunden sind.
Die Entfernung allein entscheidet nicht
Bei einem 90-Tage-Blackout wäre die Frage nicht nur:
„Wo gibt es Strom?“
Sondern auch:
„Wo gibt es Wasser, Lebensmittel, Wärme, medizinische Versorgung und funktionierende lokale Strukturen?“
Eine abgelegene Region mit eigenem Strom und Brunnen kann unter Umständen besser vorbereitet sein als eine Großstadt mit einem funktionierenden Stromnetz, aber hunderttausenden Einwohnern und stark abhängigen Lieferketten.
Auch die Jahreszeit spielt eine entscheidende Rolle. Ein Blackout im Januar stellt völlig andere Anforderungen als ein Blackout im Juli.
Fazit
Bei einem hypothetischen 90-Tage-Blackout wäre ein Ausweichen in ein europäisches Nachbarland keine automatische Lösung. Entscheidend wäre zunächst, wie groß der Netzausfall tatsächlich ist.
Für einen ausschließlich deutschen Blackout könnten mehrere Nachbarländer grundsätzlich infrage kommen. Bei einem großflächigen europäischen Ereignis wären dagegen Länder mit größerer geografischer und technischer Distanz zum kontinentaleuropäischen Stromverbund interessanter.
Besonders außergewöhnlich ist dabei Island, weil sein Stromnetz vollständig vom europäischen Festland getrennt ist. Norwegen, Schweden und Finnland verfügen ebenfalls über erhebliche eigene Energiequellen und liegen außerhalb des kontinentaleuropäischen Synchronverbunds.
Allerdings gilt für alle diese Länder: Während einer bereits laufenden Krise kann die Anreise schwieriger sein als das Bleiben. Für ein realistisches 90-Tage-Szenario wäre deshalb ein vorbereiteter Rückzugsort mit Wasser, Wärme, Nahrung und unabhängiger Energieversorgung häufig wichtiger als die bloße Wahl eines anderen Landes.
Ein sinnvoller Notfallplan sollte daher nicht nur ein Zielland enthalten, sondern einen Plan A innerhalb Deutschlands, einen Plan B in Europa und einen Plan C für den Fall einer gesamteuropäischen Krise.
